Glaubhaftigkeit

Glaubwürdigkeitsbegutachtung - Aussagepsychologie


 

 

 

"Das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 30. Juli 1999 zur Frage der wissenschaftlichen Anforderungen an aussagepsychologische Begutachtungen (Glaubhaftigkeitsgutachten) und die Folgen für die Sachverständigen"

 

Rainer Balloff in: "Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat". 49: 261-274 (2000), ISSN 0032-7034

in dem Artikel geht es hauptsächlich um den Verdacht des "Sexuellen Missbrauchs" und die Anforderungen an dazu eingeholte Begutachtungen.

 

 


 

 

Berufung verworfen

Aussagen des Opfers wurde vollständig Glauben geschenkt

VON ANDREAS BEHLING, 12.10.2008

DESSAU/SCHORTEWITZ/MZ. "In bestimmten Situationen - nämlich, wenn er eine sexuelle Annäherung anstrebt - verliert der Angeklagte nach unserer Überzeugung die Kontrolle." Jörg Engelhard, Vorsitzender Richter der 7. Strafkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau, und seine beiden Schöffen hatten keinen Zweifel daran, dass dies auch im Sommer 1992 der Fall war.

Kurz vor oder kurz nach dem Einschulungstermin habe der Schortewitzer die Freundschaft zwischen seiner Tochter und einem Mädchen aus der Nachbarschaft ausgenutzt, um sich zwei Mal an dem Kind zu vergehen. Das Mädchen war damals knapp sechs Jahre alt. In der für diese Taten typischen Eins-zu-eins-Situation, wo sich die Aussagen der zwei beteiligten Menschen immer diametral gegenüberstehen, seien die Ausführungen der Geschädigten für die Kammer maßgeblich gewesen, unterstrich der Vorsitzende.

Die heute 23-jährige Frau habe in ihrer Beschreibung der Geschehnisse weder einen Verfolgungseifer erkennen lassen noch zu schillernden Ausmalungen geneigt. Wäre es ihr um Rache oder um ein überbordendes Geltungsbedürfnis gegangen, hätte sie die Vorfälle noch viel dramatischer ausschmücken können, fand Engelhard. Darüber hinaus gehe die Berufungsinstanz nicht davon aus, dass die beiden früheren Freunde, denen die junge Frau Jahre später die sie bedrückenden Ereignisse offenbarte, für das Opfer die Unwahrheit sagten.

Folglich stand für die Kammer fest, dass sich der mittlerweile 45 Jahre alte Schortewitzer des sexuellen Missbrauchs von Kindern schuldig machte. Die Berufung des Angeklagten verwerfend, beließ sie es somit bei der vom Amtsgericht Köthen verhängten Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Zuvor hatte sich Staatsanwalt Frank Pesselt befremdet über die Bemerkung der Verteidigung gezeigt, die Geschädigte habe keinerlei Details der Übergriffe vortragen können.

Dies zu verlangen, so der Anklagevertreter, sei ja wohl "vollkommen unrealistisch". Man dürfe nicht vergessen, dass Ereignisse beleuchtet wurden, die nunmehr 16 Jahre zurückliegen. Vor dem Hintergrund habe es ihn weitaus mehr gewundert, wie präzise einige Zeugen, die dem Lager des Angeklagten zuzurechnen waren, noch räumliche Verhältnisse und zeitliche Abläufe vor Augen hatten. Deren Auftritte, zumal gepaart mit herabwürdigenden Bemerkungen zur Person der Geschädigten, hätten bei ihm zu dem Eindruck geführt, es mit dressierten Zeugen zu tun zu haben. Wie spontan und manchmal auch ungefragt die antworteten, dies sei schon "hart an der Grenze" gewesen.

Verteidigerin Kathrin Najork kündigte nach dem Prozess an, mit Pesselt über diesen unterschwelligen Vorwurf der Rechtsbeugung sehr ernsthaft sprechen zu wollen.

In ihrem knapp halbstündigen Plädoyer hatte sie derweil die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es seinerzeit sehr wohl sexuelle Missbrauchshandlungen gab, diese aber von einem anderen Täter verübt wurden. Dessen Bild projiziere das Opfer nun auf ihren Mandanten. "Die Umstände ließen sie glauben, dass er es war", formulierte die Anwältin.

"Äußerst bedenklich" nannte es Frau Najork, dass kein genauer Tatzeitpunkt feststellbar war. Während sich die Geschädigte explizit darauf festlegte, alles habe sich zugetragen, als sie noch den Kindergarten besuchte, stand die von ihr wahrgenommene Tafel erst nach der Einschulung im Kinderzimmer der Tochter des Angeklagten. Überhaupt keinen Beweiswert maß die Verteidigerin den Aussagen der ehemaligen Freunde bei. Die seien derart unergiebig gewesen, dass man sich fragen müsse, was das für Beziehungen waren, wenn Missbrauchsvorwürfe in den Raum geworfen, aber keine weiteren Nachforschungen dazu angestellt werden.

Insbesondere vor dem Hintergrund, dass es die Berufungsinstanz ablehnte, die Geschädigte von einem Rechtspsychologen hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit begutachten zu lassen, gab die Verteidigerin bereits in ihrem Schlussvortrag klar zu erkennen, auf das Urteil mit einer Revision zu reagieren. "Wir werden sehen, was das Oberlandesgericht dazu sagt", meinte die Juristin, die zu ahnen schien, dass ihr Antrag auf Freispruch am Ende der umfassenden Beratung der Kammer scheitern würde.

http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1223303381573

 

 

 

Kommentar Väternotruf:

"Aussagen des Opfers wurde vollständig Glauben geschenkt", das ist nun eine unsinnige Überschrift, denn bevor eine Verurteilung nicht rechtskräftig ist, gilt ein angeklagter als unschuldig, folglich gibt es im strafrechtlichen Sinne auch noch kein Opfer. Korrekt müsste es daher heißen: "23-jähriger Frau wurde vollständig Glauben geschenkt".

 

 


 

 

 

 

 

Gutachter

Der Wahrheit näher rücken

Wie Gutachter Täter- und Opferaussagen beurteilen.

Es leuchtet ein, dass Straftäter nicht immer die Wahrheit sagen. Doch auch Unschuldige erfinden nicht selten phantasievolle Geschichten. Zum Beispiel, weil das, was wirklich geschehen ist, so skurril klingt, dass sie Angst haben, man glaube ihnen nicht. Aber es kommt auch vor, dass Unschuldige Geständnisse ablegen oder Geständige bei der Schilderung des Tathergangs lügen.

Aussagen von Angeklagten und Zeugen auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen, ist Aufgabe von Psychiatern und Psychologen. Sie müssen Richtern brauchbare Gutachten darüber liefern, ob Täter – aber auch Opfer – die Wahrheit sagen. Wie schwierig das sein kann, wurde auf der 12. Berliner Junitagung deutlich, zu der das Institut für Forensische Psychiatrie der Charité eingeladen hatte.

Am Fall des Ende September 2001 im Saarland im Alter von fünf Jahren verschwundenen Pascal erläuterte Charité- Psychologe Max Steller das Problem von falschen Geständnissen. Zwölf Angeklagte, darunter vier Frauen, wurden in diesem Fall beschuldigt, den Jungen mehrfach missbraucht und schließlich getötet zu haben. Die zum Teil geistig behinderten und alkoholkranken Angeklagten verstrickten sich immer wieder in Widersprüche, gaben Geständnisse ab und widerriefen sie. Im September 2007 wurden sie nach einem dreijährigen Prozess aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

„Es kommt vor, dass Menschen Geständnisse ablegen, um sich wichtig zu machen“, erläuterte Steller. Andere hielten dagegen dem Stress in der Verhörsituation nicht stand und würden sagen, was die Polizisten „hören wollen“.

Doch nicht nur mutmaßliche Täter lügen. Manche Menschen geben sich auch zu Unrecht als Opfer aus. „Denn daraus leiten sich Ansprüche ab, etwa auf Fürsorge“, sagte Hans Stoffels, Psychiater an der Berliner Schlossparkklinik. Häufig glauben Lügner selbst, was sie sagen – vor allem, wenn das geschilderte Erlebnis schon Jahre zurückliegt. „Das Gedächtnis ist kein Speicher, in dem Information eingebrannt ist“, sagte Stoffels. Die Erinnerung sei ein fortlaufender Prozess, der auch von der gegenwärtigen Bewertung eines Erlebnisses aus der Vergangenheit beeinflusst werde.

Dass auch Polizeibeamte und Gutachter nicht frei von ihrer persönlichen Bewertung sind, machte der Kieler Psychologe Günter Köhnken deutlich. „Meistens haben sie ja einen Verdacht – zum Beispiel, dass ein Kind sexuell missbraucht wurde“, sagte Köhnken. „Und dann suchen sie gezielt nach Anhaltspunkten, die ihre Hypothese bestätigen.“ Dabei werde die Gegenprobe, ob es auch andere Ursachen für diesen „Beweis“ geben könnte, häufig vernachlässigt.

In ähnlicher Weise könne es zu Suggestivfragen in Verhören kommen. Selbst wenn die Polizisten gar nicht die Absicht hätten, den Befragten zu manipulieren. Sogar für Psychologen, die bei ihrer Begutachtung auch prüfen, unter welchen Umständen Aussagen zustande gekommen sind, sei dies häufig nicht zu erkennen.

„Die ganze Wahrheit lässt sich nie ergründen“, sagte der Berliner Psychologe Max Steller. „Doch für die Praxis vor Gericht müssen wir ihr zumindest so nah wie möglich kommen.“

 

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 16.06.2008)

www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Gutachter;art304,2551838

 

 

 

 


 

Limburg: Sado-Paar quälte viele Kinder

Mädchen-Doppelmord in Limburg: Auch Ehefrau gesteht

Und keiner glaubte den Kindern: In diesem Haus in Girkenroth (Westerwaldkreis) wurden vermutlich nicht nur die beiden Mädchen Jasmin und Yvonne getötet, sondern auch die leiblichen Kinder von der 42 Jahre alten Mutter Monika K. von ihr und deren Mann Lutz sadistisch missbraucht.

Limburg/Koblenz - Gegen das mutmaßlich mörderische Sadisten-Paar aus dem Westerwald laufen bereits seit sechs Jahren einschlägige staatsanwaltschaftliche Ermittlungen.

Entsprechende Informationen der "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch" bestätigten am Dienstag die Staatsanwaltschaften in Limburg und Koblenz. Das unter dem dringenden Verdacht des Doppelmords an zwei 16-jährigen Mädchen aus Limburg stehende Ehepaar soll den Ermittlungen zufolge mindestens drei weitere Mädchen sadistisch gequält haben.

Auch die eigene Tochter missbraucht

Der 41 Jahre alte Maurer Lutz K. aus Girkenroth (Westerwaldkreis) und seine 42 Jahre alte Ehefrau Monika hätten bereits mehrere Verbrechen gestanden, sagte der Limburger Staatsanwalt Hans-Joachim Herrchen. Neben der leiblichen, heute 16 Jahre alten Tochter der Ehefrau und den Limburger Opfern sollen zwei andere, noch nicht vernommene Mädchen Opfer des Sadisten-Paares geworden sein. Auch die beiden Söhne der Frau aus erster Ehe sind möglicherweise missbraucht worden.

Leiblicher Vater zeigte Ex-Frau schon 1995 in Koblenz an

Als erstes hatte der Ex-Mann der beschuldigten Frau im Jahr 1995 bei der Staatsanwaltschaft Koblenz Anzeige gegen das Paar wegen sexuellen Missbrauchs aller drei Kinder aus der ersten Ehe, zwei Jungen und ein Mädchen, erhoben. Wie auch in einem zweiten, von der Tochter selbst angestrengten Verfahren aus dem Jahr 2000 stand Aussage gegen Aussage, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt Erich Jung auf Anfrage. In beiden Fällen hätten Gutachter der Ruhr- Universität Bochum die Glaubwürdigkeit der Kinder bezweifelt. Beide Ermittlungsverfahren seien daraufhin eingestellt worden.

Staatsanwalt Jung: Gutachter hielten Kinder für unglaubwürdig

Die erfahrene Dezernentin habe aus seiner heutigen Sicht keine Fehler gemacht, erklärte Jung. Seine Behörde verlasse sich auch nicht auf einige wenige Haus-Gutachter, sondern pflege "einen guten Mix". Auf deren Expertisen sei man in dem schwierigen Spannungsfeld des sexuellen Missbrauchs aber "mehr oder weniger" angewiesen. Er habe viel Verständnis für die Empörung der Angehörigen, aber auch die Mittel der Justiz zur Wahrheitsfindung seien begrenzt.

26.09.2001

http://www.rz-online.com/on/01/09/26/topnews/limburg.html

 

 


 

 

 

"Zum Standard der Glaubwürdigkeitsbegutachtung"

J. Martinius

Aus Institut und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Klinikum Innenstadt (Komm. Direktor: Prof. Dr. J. Martinius)

 

Zusammenfassung: Die Begutachtung der Glaubwürdigkeit kindlicher Zeugen ist Aufgabe der Psychologie, bei Vorliegen seelischer Störungen wird jedoch ärztliche, d.h. kinder- und jugendpsychiatrische Begutachtung notwendig. Sie hat Qualitätsanforderungen zu genügen, die Exploration, Untersuchung und Analyse der Befunde betreffen. Wichtige Neuerungen sind das Vorgehen nach einer umfassenden Systematik, das Vermeiden suggestiver >Aufdeckungsarbeit< und die Anwendung der kriterienorientierten Inhaltsanalyse.

Anhand einer Schadenersatzklage wegen fehlerhafter Begutachtung im Zusammenhang mit dem Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs wird zum Standard der Glaubwürdigkeitsbegutachtung Stellung genommen.

Schlüsselwörter: Begutachtung der Glaubwürdigkeit, kindliche Aussagen, Qualitätsstandards, kriterienorientierte Inhaltsanalyse

 

"Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie". 27 (2). 1999, S. 121—124

 

 


 

 

"Aussagepsychologie vor Gericht - Methodik und Probleme von Glaubwürdigkeitsgutachten mit Hinweisen auf die Wormser Missbrauchsprozesse"

Max Steller

in: "Recht und Psychiatrie", 1998, 16. Jahrgang, S. 11-18

Anschrift des Autors: Max Steller, Limonenstraße 27, 12203 Berlin

 

 

 


 

 

 

BGH 1 StR 618/96 - Urteil vom 30.Juli 1999 (Landgericht Ansbach)

Sachverständige; Sexueller Missbrauch eines Kindes; Glaubhaftigkeitsgutachten; Darstellung eines Gutachtens im Urteil;

 

§ 244 Abs. 4 Satz 2 ZPO

 

Leitsätze:

1. Wissenschaftliche Anforderungen an aussagepsychologische Begutachtungen (Glaubhaftigkeitsgutachten). (BGHSt)

2. ...

3. ...

 

 

 


 

 

 

Fachleute zum Thema Glaubhaftigkeit

 

Prof. Dr. Udo Undeutsch

Psychologisches Institut, Universität Köln

Polygraphentest (Lügentestdetektor)

 

Prof. Dr. Wegener

Prof. Dr. Steller

Prof. Dr. Köhnken

Dr. Volbert

Prof. Szewczyk

 

 

 


 

 

Links

 

Aussagepsychologie vor Gericht

Methodik und Probleme von Glaubwürdigkeitsgutachten mit Hinweisen auf die Wormser Mißbrauchsprozesse

von Prof. Dr. Max Steller

www.kinderprojekte.de/kffk/aussag.html

 

 

 


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