Inge Seiffge-Krenke


 

 

Univ.-Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke

Psychologisches Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Staudinger Weg 9, 55099 Mainz

 

 


 

 

Urteil zum Sorgerecht: "Gerichte sind auf einem Auge blind"

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das Sorgerecht lediger Väter in Deutschland gestärkt. Im stern.de-Interview erklärt Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke, wie wichtig Väter für die Erziehung sind.

Inge Seiffge-Krenke Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke ist Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie an der Universität Mainz und seit 1986 Professorin.

 

Frau Seiffge-Krenke, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das Sorgerecht lediger Väter in Deutschland gestärkt. Wie wichtig war das für deutsche Väter?

Das ist ganz wichtig. Viele Väter müssen bei Gerichten als Bittsteller auftreten, wenn sie das Sorgerecht für Ihre Kinder bekommen wollen. Selbst wenn die Mütter nachweislich nicht gut für die Entwicklung der Kinder sind, ist es nicht selbstverständlich, dass die Väter den Zugang zum Kind bekommen. Dagegen fordert kein Gericht von Müttern Beweise für Ihre Kompetenz - nur die Väter müssen belegen, dass Sie mit einem Kind gut umgehen können. Gerichte und Jugendämter gehen generell davon aus, dass die Mütter das Sorgerecht bekommen. Dabei gibt es auch Mütter, die alkohol-, drogenkrank oder neurotisch sind und dem Kind keine angemessenen Entwicklungsmöglichkeiten bieten können. Da sind Gerichte, aber auch Jugendämter, oft auf einem Auge blind.

Die Mütter kriegen das Sorgerecht von deutschen Gerichten viel häufiger als Väter. Manchmal verhindern sie dann auch noch, dass die Väter ihre Kinder überhaupt sehen. Schaden sie damit der Entwicklung der Kinder?

Man muss sich die Daten genau ansehen. Je älter die Kinder werden, desto häufiger erhält der Vater das Sorgerecht. Und zwar deshalb, weil die Kinder sich ab dem Alter von neun Jahren wünschen können, zu wem sie möchten. Das zeigt: Die Kinder scheinen zu glauben, dass Ihnen ohne den Vater etwas fehlt. Sie würden gerne mit ihm zusammen leben.

Was fehlt Kindern ohne Vater?

Väter gehen mit ihnen anders um, schon von den ersten Lebensjahren an. Sie haben ganz anderen Körperkontakt. Sie werfen Babys durch die Luft. Später fordern sie Kinder beim Spielen und beim Sport körperlich heraus. Welche Mutter klettert schon mit ihren Kindern auf Bäume oder macht kilometerlange Fahrradausflüge, bis alle total schlapp sind? Dabei setzen Väter immer auch klare Grenzen. Das ist wichtig. Dazu kommt: Die Väter unterscheiden sehr stark danach, ob sie einen Sohn oder eine Tochter vor sich haben. Für die Mutter sind beides Kinder, das Geschlecht spielt keine so große Rolle.

Wie äußert sich das?

Väter sind behutsam mit Töchtern, mit Söhnen dagegen strenger, aggressiver. Außerdem fördern Väter Autonomie besser als Mütter. Sie trauen dem Nachwuchs mehr zu. Väter halten 12 Jahre alte Kinder für so selbstständig wie Mütter erst 16 Jahre alte, zeigen Studien. Väter überfordern Kinder, Mütter unterfordern sie. Die gemeinsame Erziehung führt zu einer ganz guten Balance.

Welches Kind wird glücklicher - das ohne Vater oder das ohne Mutter?

Der Verlust von Eltern ist immer ein ganz einschneidendes Erlebnis. Bei den Scheidungen sind es oft die Söhne, die die Folgen stärker zu tragen haben als die Töchter, die meist selbstständiger sind. Wer leidet, sind die Jungs. Gerade im Alter von neun bis 12 Jahren. Da findet man die Einbußen in der Schule, das aggressivere Verhalten oder den stärkeren Rückzug. Manche werden kriminell oder drogenabhängig. Einige internationale Studien zeigen, dass Söhne stärker leiden, wenn sie den Vater nicht regelmäßig sehen. Ihnen fehlt das männliche Rollenmodell.

Gibt es eine Phase, in der die Abwesenheit des Vaters ganz besonders fatal ist?

Mit dem Alter hat das eigentlich nichts zu tun. Selbst junge Erwachsene leiden noch ziemlich darunter, wenn Ihre Eltern sich trennen.

Wie können geschiedene Eltern das Schlimmste verhindern?

Sie müssen ihren Kindern in Ruhe erklären, dass sie gerne Eltern sind, dass sie aber als Paar nicht mehr zusammenbleiben und dass es sogar gut ist, wenn ein zerstrittenes Paar nicht mehr in derselben Wohnung ist. Die Erklärung, dass es nicht am Kind lag, ist ganz wichtig. Sonst denken manche Kinder, sie seien böse gewesen und an der Trennung schuld. Man muss offen sagen: Es gibt Dinge zwischen Erwachsenen, die kann man nicht mehr reparieren, trotzdem wollen wir gute Eltern bleiben. Ich arbeite auch als Psychotherapeutin. Da gab es gerade folgenden Fall: Die Mutter einer 14 Jahre alten Tochter hat einfach ihren Koffer gepackt und ist ausgezogen, in eine Wohnung in der nächsten Stadt - ohne große Erklärung. Für das Mädchen ist das eine irritierende Angelegenheit: Ist die Beziehung der Mutter nicht so wichtig, dass sie mit der Tochter zusammenbleiben will?

Häufiger ist es aber umgekehrt.

Das stimmt. Die Frauen verhindern oft das Zugangsrecht des Vaters, weil das Kind angeblich Bauchschmerzen hat oder gerade so viel für die Schule zu tun hat. Wir nennen das in der Psychologie "Maternal Gatekeeping". Mütter gehen dagegen vor, dass der Vater das Kind sieht.

Weil sie den Vater als Gefahr sehen?

Zum Teil. Aber auch aus einer falsch verstandenen Mutterrolle heraus, weil sie denken, nur sie wüssten, wie man die Butterbrote schmiert und das Kind würde beim Vater nicht richtig versorgt. Väter machen es ja tatsächlich ein bisschen anders. Aber wer sagt denn, dass das schlechter wäre? Es ist vor allem eine merkwürdige Muttterideologie, die zu diesem Gatekeeping führt. Häufig handelt es sich um Frauen, die keinen Beruf haben oder ihn aufgegeben haben. Die schöpfen ihren gesamten Selbstwert aus der Mutterrolle. Wenn sie nun Angst haben, man nimmt ihnen das weg, kippt der Selbstwert komplett.

In Ihren Bestrebungen werden sie von den Institutionen unterstützt.

Leider ja. Von Jugendämtern, von Gutachtern, von Gerichten. Ich finde, das ist ein absolut konservativer Rollback. Ich habe kürzlich auf einem Vaterkongress wieder Fälle gehört - da fasst man sich an den Kopf. Ein Vater hat das Kind 12 Jahre lang aufgezogen, weil die Mutter 100 Kilometer entfernt arbeitete und nur am Wochenende nach Hause kam. Die Eltern ließen sich irgendwann scheiden. Aber die Mutter bekam das Sorgerecht. Nun muss der Vater mit ganz viel Mühe versuchen, es sich zurückzuerkämpfen. Der Junge wurde mit einem Mal ganz schlecht in der Schule und ist delinquent geworden. Absurderweise argumentieren Behörden dann: Das könne nur die Mutter auffangen - auch wenn die sich 12 Jahre lang nicht gekümmert hat. Es gibt viele solcher Fälle. Es sind natürlich oft Frauen, die Gutachten für Gerichte schreiben, wo gelegentlich auch Richterinnen sitzen.

Mit mehr Verständnis für das eigene Geschlecht.

Die sehen nicht immer ein, dass Väter das auch können. Und oft glauben sie eher den Müttern. Das absurdeste Beispiel ist der Missbrauchsvorwurf. Damit wollen manche den Mann endgültig ausschalten, wenn sie es anders nicht schaffen. Auf der Vätertagung habe ich fünf Väter kennen gelernt, alles Akademiker, darunter ein Jurist und ein Internist, die sich vor Gericht gegen solche Vorwürfe wehren mussten. Das kann derart rufschädigend sein. Bringen Sie da erst mal Gegenbeweise.

Ist das so schwer?

Man muss in solchen Fällen das Kind hören. Oft sehen die Gutachter aber vor allem Mutter und Kind, selten den Vater. Dabei zählt als Indikator für einen Missbrauch eigentlich nur die verbale Aussage des Kindes in einem geschützten Raum - verbunden mit einer medizinischen Untersuchung. Und nicht der Verdacht der Mutter, das Kind sei immer so verstört, wenn es vom Vater komme. Das ist ja logisch, wenn es jedes Mal die Zornesfalte im Gesicht der Mutter sieht. Manche Kinder machen sogar in die Hose, wenn ihr Papa sie zurückgebracht hat. Dadurch wird dieser Schmerz, die Zerreißprobe deutlich. Das muss überhaupt nicht auf Missbrauch hindeuten.

Wie verhält sich ein abwesender Vater am besten?

Er sollte das Kind mindestens alle 14 Tage sehen. Das gesteht das Gesetz den Vätern zu. Das Kinde muss merken: Der Vater will es sehen, aber irgendwie klappt das nicht. Denn nichts ist verletzender für das Kind als das Gefühl, ignoriert zu werden. Der Mutter sollten die Väter immer signalisieren: Ich nehme dir nichts weg, ich besetze andere Areale. Dann klappt es vielleicht doch mit der Einigung. Und wenn nicht, muss man der Mutter sagen: Denken Sie daran, dass im Gesetz steht, dass das Kind ein Recht auf beide Eltern hat. Das ist nicht Ihr Leibeigener!

Interview: Johannes Gernert

3. Dezember 2009, 21:13 Uhr

 

http://www.stern.de/panorama/urteil-zum-sorgerecht-gerichte-sind-auf-einem-auge-blind-1526631.html

 

 

 


 

 

"Wie erleben Väter Familienbeziehungen während der turbulenten Zeit der Adoleszenz ihrer Kinder?"

Inge Seiffge-Krenke und Jörg von Irmer

in: "Zeitschrift für Familienforschung", Heft 2/2004, S. 144-155

 

 


 

Inge Seiffge-Krenke:

Psychotherapie und Entwicklungspsychologie.

Heidelberg: Springer 2003

In diesem Buch geht es um Beziehungsentwicklung im Familienkontext. Die Familienbeziehung wird von der Paarbeziehung bis zur Geburt von Kindern und schließlich dem Auszug der Kinder beschrieben, wobei wichtige Entwicklungsherausforderungen, aber auch Stressoren und Bewältigungsmöglichen aufgezeigt werden ( „Warum ist ein Kind eine Chance für ein Paar?“). Gegenwärtig wird zwar eine umfangreiche Geburtsvorbereitung betrieben, NACH der Geburt von Kindern wird das Paar aber ziemlich allein gelassen mit den wichtigen und anstrengenden Anforderungen. Insbesondere bei schwierigen Kindern, ( geringes Geburtsgewicht, Frühgeburt, Mehrlingsgeburt) kann ein Paar da schon an die Grenzen seiner Belastung kommen. Erneute Herausforderungen stellen sich dann, nachdem eine gewisse Routine eingetreten ist, mit der Geburt des zweiten Kindes. Das Entwicklungspsychologen gefunden haben, das es 2(!) Jahre braucht, bis der neue Erdenbürger in die Familie integriert wird, zeigt schon die zeitliche Dimension, unterstreicht aber auch, dass sich die meisten Ehepaare zu einem Zeitzpunkt scheiden lassen, zu dem dieser Prozeß noch nicht abgeschlossen ist.

In einem Kapitel über Bindung wird die neueste Forschung über Mutter-Kind Beziehungen und ihre Bedeutung vor allem in der Säuglingszeit dargestellt. Wie elementar wichtig diese ersten Beziehungsprozesse sind, die den Grundstein für ganz langfristige Auswirkungen auch auf spätere Beziehungen haben, wird schlüssig dargelegt. Zu den Besonderheiten dieses Buches zählt, das auch das weitere soziale Umfeld nicht vergessen werden, nämlich die Freunde und die Geschwister, denen jeweils eigene Kapitel gewidmet werden. In ihnen wird deutlich, das Freunde und Geschwister echte „Entwicklungshelfer“ sind. Ein weiteres Kapitel hat die Bedeutung von Phantasie und Kreativität für alle Menschen, vor allem aber für Kinder und Jugendliche zum Gegenstand. Aber auch in Erwachsenenbeziehungen spielt Phantasie noch immer eine herausragende Rolle und wird zu wenig berücksichtigt. Es wird deutlich, das diese Fähigkeiten Schutzfaktoren sind, wenn die Entwicklungssbedingungen schwierig verlaufen.

In ganz ähnlicher Weise greift das Väterkapitel vergessene, übersehenen und für die Familie wichtige Bezüge auf: Die entwicklungspsychologische Familienforschung hat fast ausschließlich auf Mutter-Kind-Beziehungen fokussiert und auch z.B. in der Bindungsforschung den Vater erst neuerdings entdeckt. Auch im Umgang mit Patienten, d.h. in der klinischen Psychologie, der Psychosomatik und Psychotherapie hat man sich zunächst ganz überwiegend mit der Mutter-Kind-Beziehung beschäftigt Die in den letzten Jahren erschienenen Bücher über Väter haben ganz überwiegend defizitäre Aspekte von Vätern zum Gegenstand, wie etwa „abwesende Väter“, oder „ferne Väter“ oder „Kriegsväter“.

Nun ist es in der Tat ein häufig berichtetes Faktum, dass wir unter Patienten von Psychotherapeuten oder psychosomatischen Einrichtungen gehäuft solche finden mit einer Vaterproblematik, d.h. einem nicht vorhandenen Vater oder einer konflikthaften Beziehung zum Vater, Allerdings ist die Tatsache, dass ein Kind vaterlos aufwächst, sicher ein Risikofaktor, aber nicht nur aufgrund der „Vaterlosigkeit“, sondern weil sich dahinter ein ganzer Komplex von Bedingungen verbirgt (Armut, ökonomische Einbußen, erhöhte Berufstätigkeit der Mütter, Mangelversorgung, schlechte hygienische Verhältnisse, niedriger sozioökonomischer Status u.ä.), die für sich genommen alleine schon zeigen, dass diese Kinder unter belastenden Entwicklungsbedingungen aufwachsen, zu denen die Vaterabwesenheit noch beiträgt.

Das Buch von Seiffge-Krenke zeigt, dass eine weitere Pathologisierung von Vätern uns nicht wirklich voran bringt. Wie sie durch zahlreiche Studien belegt, leisten Väter, ebenso wie Mütter, einen besonderen Beitrag zur Kindererziehung und sind wichtig für die psychische und körperliche Entwicklung von Kindern. Die entwicklungspsychologischer Forschung zeigt, dass Väter insbesondere die motorischen Funktionen und die Verselbstständigung von Kindern sehr stark fördern und damit einen Anreiz für das Kind bieten „neugierig forschend die Welt zu entdecken.“ Wir wissen ebenfalls aus der klinischen und psychopathologischen Forschung, dass Väter häufig kompensatorische Funktionen übernehmen, wenn Mütter aufgrund von schweren Erkrankungen (Psychosen, schweren Depressionen, Krebserkrankungen u.ä.) ihre Rollen nicht übernehmen können. Wir wissen schließlich aus Studien an allein erziehenden Vätern, dass diese sehr gut in der Lage sind, „mütterliche und väterliche Funktionen“ zu übernehmen. Dies alles weist auf eine enorme Bedeutung von Vätern hin, jedoch auch auf eine große Plastizität im psychischen Geschehen und insbesondere auch auf Kompensationsmöglichkeiten.

Dass dabei noch Kontextbedingungen und historische Veränderungen d.h. die Einbettung in die Familie, Scheidungsraten etc zu bedenken sind, ist ein wichtiger Punkt, der in dem Buch von Seiffge-Krenke angesprochen wurde. Insgesamt greift es viele bislang in der Familienforschung vernachlässigte Aspekte ( Väter, Geschwister, Freunde, Scheidung etc) auf uns ist durch zahlreiche spannend zu lesende Fallbeispiele und Graphiken anschaulich illustriert.

 

 

 

 

 


 

"Neuere Ergebnisse der Vaterforschung

Sind Väter notwendig, überflüssig oder sogar schädlich für die Entwicklung ihrer Kinder?"

Inge Seiffge-Krenke

in "Psychotherapeut", 6-2001, S. 391-397

 

Ein guter Aufsatz. Unsere einziger Kritikpunkt, die Autorin stellt fest, dass Väter chronisch kranker Kinder ihre distinktive Rolle, das heißt die notwendige Trennung von Mutter-und-Kind befördernde Rolle nicht wahrnehmen würden. Zu fragen wäre vielleicht, ob Kinder nicht gerade deshalb chronisch krank werden, weil die notwendige Trennung von Mutter und Kind nicht vollzogen wird, wozu eine symbiotische Mutter und ein schwacher Vater gehören. Das von diesem schwachen Vater, nach der Chronifizierung der Mutter-Kind-Krankheit kaum Unterstützung zu erwarten ist, liegt auf der Hand.

 


 

"One body for two: Chronisch kranke Jugendliche und ihre Mütter"

 

Boeger, Seiffge-Krenke u. Schmidt

in "Forum Psychoanalyse" 1997

 

 


 

"Die Idealisierung des Vaters: eine notwendige Konsequenz in Scheidungsfamilien?"

 

Inge Seiffge-Krenke und Martina Tauber

in: "Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie", 46: 338-353 (1997)

 


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