Kindermord

Kindermörder - Kindermörderin


 

 

 

 

Tragischer Vorfall auf der Brohltalbrücke:

Zu einem tragischen Ereignis kam es am Sonntag, den 05.02.2012, gegen 11:00 Uhr, auf der Bundesautobahn A 61 in Höhe der Brohltalbrücke, Gemarkung Niederzissen.

Ein 34-jähriger Mann aus Nordrhein-Westfalen fuhr mit seiner 4-jährigen Tochter in seinem Pkw zur Brohltalbrücke. Nach derzeitigem Erkenntnisstand sprang er dort zusammen mit dem Kind in suizidaler Absicht von der Brücke in die Tiefe.

Beide Personen konnten durch die Einsatzkräfte nur noch tot geborgen werden.

Weitere Hintergründe sind zurzeit nicht bekannt.

Aus Gründen der Pietät (Opfer- und Familienschutz) wird das Polizeipräsidium Koblenz heute von weiterer Berichterstattung absehen.

Vor diesem Hintergrund bitten wir die Medien von weiteren Anfragen Abstand zu nehmen.

 

 

Polizeipräsidium Koblenz

Moselring 10/12

56068 Koblenz

Telefon: 0261/103-1

 

http://www.polizei.rlp.de/internet/nav/98e/presse.jsp?uMen=6aa70d73-c9a2-b001-be59-2680a525fe06&page=1&pagesize=10&sel_uCon=e3d503d3-0e91-4531-c5ec-3f110b42f27b

 

 

 


 

 

 

Das tote Mädchen aus der Kiste

Der Entführungsfall Ursula Herrmann ist aufgeklärt. Er hat Kriminalbeamte 27 Jahre lang beschäftigt

Cornelia Geissler

Ursula Herrmann wäre heute 37 Jahre alt. Vor 27 Jahren ist sie qualvoll in einer Kiste im Wald am bayerischen Ammersee erstickt. Erst seit dieser Woche glaubt die Polizei zu wissen, wer das damals zehnjährige Mädchen auf dem Nachhauseweg abgepasst und in das enge Gefängnis gesperrt hatte, um von seinen Eltern Geld zu erpressen. Am Freitagmittag baten die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt zu einer Pressekonferenz ins Strafjustizzentrum Augsburg.

Ein altmodisches Spulen-Tonbandgerät war offenbar das entscheidende Indiz, um den maßgeblichen Täter nach all den Jahren zu überführen. In der Wohnung des 58-jährigen Mannes, der bereits am Mittwoch in Kappeln nahe der dänischen Grenze festgenommen worden ist, haben die Ermittler das Gerät gefunden. Auf einem Band befand sich eine Melodie, die der Entführer laufen ließ, wenn er bei den Eltern Ursulas anrief. Zwei Millionen Mark Lösegeld hatte er per Brief für das Mädchen gefordert, mehr als ihre Eltern - ein Lehrerehepaar - allein hätten aufbringen können. Dennoch erklärten sie sich sofort zur Zahlung bereit. Doch als über das Geld gesprochen wurde, war das Kind schon lange tot.

Der Fall Ursula Herrmann hat in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte für viel Aufsehen gesorgt. Damals, im Herbst 1981, waren erst fünf Jahre vergangen, seit der Student Richard Oetker entführt und ebenfalls in einer Kiste gehalten worden war. Ursula kam am 15. September von einem Besuch bei Verwandten im Nachbardorf zurück, aber sie traf nicht zu Hause ein. Ihr Entführer riss sie vom Fahrrad und steckte sie in die bereits in den Waldboden vergrabene Kiste, die er aus Bootssperrholz gefertigt hatte. Er gab ihr Nahrungsmittel, Getränke und Comics, dann deckte er die Kiste mit Erde zu. Zwei Schläuche sollten dem Mädchen das Atmen unter der Erde ermöglichen. "Da es jedoch bauartbedingt zu keinem Luftaustausch kommen konnte", heißt es im Polizeibericht, "starb das Kind wenige Stunden nach der Entführung infolge Sauerstoffmangels."

Nur etwa sechs Stunden blieben Ursula zum Leben in der Kiste. Am 17. September meldete sich der Entführer zum ersten Mal bei den Eltern, insgesamt neun Mal rief er an. Er sagte nichts, sondern ließ nur die Verkehrsfunk-Erkennungsmelodie des Senders Bayern 3 spielen. Die Mutter erklärte ihrerseits, die Forderungen erhalten zu haben und bat um ein Lebenszeichen Ursulas. Nach einem weiteren Brief des Entführers brach der Kontakt ab. Erst zwei Wochen später fand die Polizei die Kiste im Wald.

Der Haftbefehl lautet auf erpresserischen Menschenraub mit Todesfolge. Es war höchste Zeit für einen Fahndungserfolg. Nach 30 Jahren wäre das Verbrechen verjährt gewesen. 17 570 Fingerabdrücke sind von der Polizei analysiert worden, 15 000 Verdächtige wurden überprüft. Fast 400 Aktenordner füllten sich so mit den Ermittlungen.

Der 58-Jährige, der von der Staatsanwaltschaft als Haupttäter angesehen wird, bestreitet die Tat. Zwei Männer, die ihn entlasteten, sind nun ebenfalls Beschuldigte. Der 58-Jährige habe sich in Widersprüche verwickelt, sagte Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz am Freitag. Eine ganze Kette von Indizien spreche gegen den Mann, der in Utting am Ammersee wohnte, bevor er nach Norden zog. Nach der Tat gehörte er schon einmal zum Kreis der Verdächtigen, weil er verschuldet war und außerdem ein Boot hatte, was eine Verbindung zum Material der Kiste bedeutete.

Berliner Zeitung, 31.05.2008

www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0531/vermischtes/0039/index.html

 

 


 

 

Spektakulärer Kindermordfall nach 27 Jahren aufgeklärt

Unvorstellbare Qualen muss die zehnjährige Ursula Hermann aus Oberbayern erlitten haben. Sie wurde von einem Mann entführt, in eine Kiste eingesperrt, im Wald vergraben und erstickte. Der Mord ist 27 Jahre her - nun hat die Polizei den mutmaßlichen Täter.

 

Ursula Herrmann im Jahr 1981. - Foto: dpa

Augsburg - Nach 27 Jahren steht der spektakuläre Entführungs- und Mordfall an der zehnjährigen Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee in Oberbayern vor der Aufklärung. Der mutmaßliche Mörder gehörte früher schon einmal zum Kreis der Verdächtigen. Die Lehrertochter war in einer vergrabenen Kiste damals qualvoll erstickt.

Am Donnerstag war der 58-Jährige im schleswig-holsteinischen Kappeln festgenommen worden. Gegen den Mann wurde Haftbefehl erlassen. Er soll Ursula am 15. September 1981 entführt und in einer Holzkiste im Wald vergraben haben. Das Mädchen erstickte in der in 1,60 Meter tief eingegrabenen Kiste, weil feuchtes Laub die Luftzufuhr verstopft hatte.

Ursulas Tod war möglicherweise die Folge einer Panne bei dem brutalen Kidnapping. Der Täter hatte versucht, von den unvermögenden Eltern zwei Millionen Mark Lösegeld zu erpressen. Drei Tage nach der Entführung war bei dem Lehrerehepaar ein Brief mit der Geldforderung eingegangen. Nach einem zweiten Brief brach der Kontakt ab.

Überraschend DNA-Spur gefunden

Die Leiche des Mädchens wurde 19 Tage nach der Entführung bei einer Suchaktion gefunden. Der Tod des Kindes galt bis zu der jetzt erfolgten Festnahme als einer der spektakulärsten unaufgeklärten Mordfälle der deutschen Kriminalgeschichte. In einem derzeit vom Münchner Schwurgericht verhandelten Mordfall war vergangenes Jahr überraschend eine identische DNA-Spur zum Fall Ursula Herrmann gefunden worden.

Allein 15.000 Verdächtige und 11.000 Fahrzeuge waren gleich in den ersten Monaten nach dem Verbrechen überprüft worden. Insgesamt wurden fast 20.000 Fingerabdrücke untersucht und über 40.000 Recherchen angestellt. Bei immer wieder neu aufgenommenen Ermittlungen ging die Kripo weiteren 3000 Spuren nach und ließ über 100 Gutachten erstellen. Die Ermittlungsansätze füllten schließlich 300 Aktenordner. (ut/dpa)

 

30.5.2008

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/Ursula-Herrmann-Mord;art1117,2540914

 

 


 

 

 

 

Berlin

Zeugin eines Opfermordes?

Aus Sicht einer psychiatrischen Gutachterin war Teshua K. nicht in der Lage, ihre Tochter Amani zu töten

von Sabine Deckwerth

Berlin - Nach Einschätzung einer psychiatrischen Gutachterin kann Teshua K. ihre Tochter nicht getötet haben. Die achtjährige Amani wurde am Morgen des 5. Mai 2007 auf einer Parkbank in Schmargendorf mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Ihre Mutter ist wegen Mordes angeklagt. "Aus meiner Sicht gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass sie es war", sagte Gutachterin Ernestine Wohlfart gestern vor Gericht. "Es fehlen alle Parameter für eine Täterschaft."

So sei die 33-Jährige, die ihre Tochter sehr geliebt habe, zu dieser Zeit aufgrund einer psychischen Störung kraftlos und in ihrem Antrieb stark reduziert gewesen. Wo habe da der Impuls zu so einer Tat herkommen sollen, fragte Wohlfart. Auch fehle der Wahn, der Affekt. Es sei schwer vorstellbar, dass die Angeklagte plötzlich einen Kontrollverlust erlitten hätte. Sie habe einen solchen trotz jahrelanger psychischer Auffälligkeiten nie gehabt und sei auch nie gewalttätig gewesen. Wohlfart ist Oberärztin und wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für interkulturelle Psychiatrie an der Charité Mitte. Das Zentrum ist einmalig in Deutschland. Dort werden Menschen mit psychischen Problemen behandelt, die aus einem anderen Kulturkreis kommen. Sie empfinden viele Dinge anders als Deutsche, leiden deshalb anders und werden auch anders krank. Teshua K. wurde zwar in Deutschland geboren und wuchs hier auf, ihre Mutter ist Deutsche. Aber ihr Vater stammt aus Ghana. Er hatte den größten Einfluss auf die Tochter, während die behinderte und pflegebedürftige Mutter keine größere Bedeutung für Teshua K. hatte. Sie sieht sich heute selbst als Afrikanerin. "Das klingt absurd, weil sie keine Afrikanerin ist. Aber sie blendet komplett die deutsche Seite in sich aus", sagte Wohlfart, die die Angeklagte in der Haft untersuchte und den Prozess verfolgte.

Aus ihrer Sicht hat der Vater, der schon lange in Deutschland lebt, seine Sehnsüchte nach der afrikanischen Heimat "gebläht" an die Tochter weitergegeben. Er habe ihr viele Geschichten aus seiner Heimat erzählt, die ihre Fantasie anregten und dazu führten, dass Teshua K. "ihre eigene afrikanische Logik entwickelte". Teshua K. interessierte sich für Zauberei und Geister, sie glaubte, sie wäre eine afrikanische Prinzessin, wenn sie in Ghana leben würde. "Aber damit kam sie hier nicht zurecht", sagte Wohlfart." Aus ihrer Sicht leidet Teshua K. wegen solcher Probleme unter einer Persönlichkeitsstörung, aber nicht unter einer psychischen Krankheit wie einer Psychose, die die Steuerungsfähigkeit automatisch beeinträchtigt. Sie habe sich krank gefühlt, verhext, vergiftet. Sie habe gelitten und keine Rettung bei deutschen Ärzten gesucht, sondern sie sei zu Heilern gegangen, wie es sie in Afrika gibt. Diesen habe sie womöglich ohne Distanz vertraut und sich mit ihnen verbündet, bis nichts mehr ihrer Kontrolle unterlag. Die Art der Tötung des Kindes, sagte Wohlfart, erinnere zudem an Opferrituale in Afrika. Laut Anklage starb Amani durch eine "schnell ausgeführte, durchgreifende und bis zur Halswirbelsäule führende Schnittverletzung".

Teshua K. hat immer bestritten, ihre Tochter getötet zu haben. Sie habe ihr Kind geliebt und ihm nie etwas antun können, ließ sie zu Prozessbeginn über ihre Anwältin erklären. Merkwürdig ist, dass sie angeblich nicht weiß, wo sie während der Tatzeit und in den Stunden danach war. Wohlfart hält so einen Black-out "für vorstellbar", wenn Teshua K. "unvorhersehbaren traumatisierenden Ereignissen" ausgesetzt war, sprich, wenn sie Zeugin einer solchen Tat war. Dann könne sie angesichts ihres toten Kindes eine Amnesie erlitten haben und weggelaufen sein. Mit einer Hypnose, sagte sie, wäre es möglich herauszubekommen, was Teshua K. erlebte.

Der Prozess wird am 17. Juni fortgesetzt. Dann wird die zweite psychiatrische Gutachterin gehört.

Berliner Zeitung, 29.5.2008

www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/101632/index.php

 

 


 

 

„Onkel Ticktack“

Das Grauen bricht langsam, schleichend über die Mark Brandenburg und über Mecklenburg herein. Immer wieder stoßen Förster oder eilends zusammengestellte Suchtrupps auf die Leichen vermisster Kinder. Ausnahmslos Jungs, zwischen vier und zwölf Jahren alt. Meist liegen sie in Kiefernschonungen in der Nähe des Elternhauses. Die Kinder erwecken den Eindruck, als seien sie, so die Polizei „in friedlichem Schlafe gestorben“. „Wie kleine Engelchen“ liegen sie da, scheinbar unverletzt und unberührt. Und sie tragen die damals beliebten Matrosenanzüge. Da sie in der kalten Jahreszeit umkamen, gehen die Ärzte von Erfrieren als Todesursache aus. Andere tippen auf Vergiftung (in einem Fall wurden Fliegenpilze neben dem Leichnam gefunden), auf heimliches Rauchen oder auch „übermäßige Nahrungsaufnahme“.

„Ein alter Mann mit einem komischen Hut“

Seit im Februar 1935 in Schwerin binnen einer Woche der elfjährige Hans Joachim Neumann und der neunjährige Hans Zimmermann verschwanden, mag Oberstaatsanwalt Beusch nicht mehr an natürliche Todesfälle glauben. Obwohl kein Fremdverschulden nachzuweisen ist, geht Beusch von einer Mordserie aus.

Bereits im Februar 1933 war der zehnjährige Alfred Praetorius aus Rostock „abgängig“. Seine Leiche tauchte ein Jahr später im Schilfdickicht der Warnow auf. Im April wurde nahe der Chaussee von Wittenberge nach Lenzen der zwölfjährige Kurt Gnirk tot aufgefunden, im November bei Ludwigslust der zehnjährige Ernst Tesdorf. Zwei Jahre darauf sollte Gustav Thomas (8) aus Wittenberge sterben. Einen Doppelschlag führt das todbringende Phantom im Oktober 1934. Ein Suchtrupp findet den vierjährigen Arthur Dill und den sechsjährigen Edgar Dittrich eng umschlungen in einer Schonung bei Neuruppin. Und auch aus dem Holsteinischen wird ein Fall gemeldet: Der neunjährige Hans Korn stirbt im Januar 1933 in den „Schlutuper Tannen“ bei Lübeck. Dort hat einen Monat zuvor „ein alter Mann mit einem komischen Hut“ einen 13jährigen Schüler gebeten, zu helfen, verstecktes Werkzeug aus dem Waldstück zu holen. Doch der Junge bekam Angst und rannte davon.

Nun setzt sich der Schweriner Staatsanwalt mit der Berliner Kriminalpolizei in Verbindung. Die hatte sich auch schon die Köpfe über mysteriöse Todesfälle von Kindern in ihrem Zuständigkeitsbereich zerbrochen. Im Herbst 1934 wurden der siebenjährige Günther Tieke aus Oranienburg und der elfjährige Erwin Wischnewski aus Brandenburg/Havel tot aufgefunden. Im Jahr zuvor verschwand der achtjährige Wolfgang Metzdorf aus Potsdam. Sieben Wochen später wurden die sterblichen Überreste, relativ weit vom Elternhaus entfernt, bei Schloss Lindstedt in der Altmark entdeckt.

Die Ermittler nehmen an, dass der kleine Wolfgang einige Zeit gemeinsam mit seinem Mörder gewandert ist. Sie glauben nicht, dass der „Sandmann“ – man wählte den Namen, weil die Opfer „wie im Schlaf“ wirkten – mit einem Fahrzeug unterwegs war. Kinder hatten wiederholt von einem „Onkel Ticktack“ berichtet, einem alten Mann, der über die Dörfer zieht und „schöne, blankgeputzte Uhren“ aus den Taschen zaubert.

Vielleicht ist der „Waldmensch“ ja ein in die Jahre gekommener Wanderbursche oder Tippelbruder. Im März 1935 scheint der Täter gefasst. Ein 40jähriger Handlungsreisender hatte Verdacht erregt, als er sich in der Nähe von Tatorten herumtrieb. Er wird festgenommen. Der Morde bezichtigt, erhängt sich der Mann in seiner Zelle in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit.

Dem Aufatmen, den Sandmann endlich erwischt zu haben, folgt das Entsetzen, als mit dem elfjährigen Gustav Thomas die unheimliche Mordserie weitergeht.

Kriminalrat Hans Lobbes von der Berliner Mordkommission verlegt seinen Arbeitsplatz nach Schwerin. Und hat Erfolg. Das Opfer Thomas war mit einem alten Mann mit dunklem Mantel, Rucksack und einem Filzhut „mit einer Krempe wie eine Untertasse“ gesehen worden. Die Beschreibung wird mit dem Fahndungsersuchen im „Deutschen Kriminalblatt“ veröffentlicht. Der Gendarmerie-Hauptwachtmeister Wagenknecht aus Grabow bei Ludwigslust erkennt in der Beschreibung den Mann wieder, den er 1930 festgenommen hatte, als der versuchte, Knaben in den Wald zu locken. Da jedoch nichts passiert war, ließ er ihn laufen. Auch Beamte aus Bad Doberan erinnern sich an ähnliche Vorkommnisse. Der Name des Verdächtigen: Adolf Seefeld. Er repariert und verkauft Uhren.

Am 3. April 1935 wird der Gesuchte am Küchentisch eines Bauern in Wutzetz im Kreis Ruppin, einem Dorf am Nordrand des Rhinluchs, festgenommen. „Onkel Ticktack“, der stets freundliche Uhrmacher, ist, wie sich beim Studium der „Verbrecherkriminalakten“ aus Schwerin, Rostock und Wittenberge herausstellt, alles andere als ein unbeschriebenes Blatt, man hat es vielmehr mit einem „tollen, gefährlichen Burschen, gleichzeitig primitiv und gerissen“ zu tun.

Seefeld kommt am 6. März 1870 in Potsdam zur Welt. Er lernt Schlosser in einer Maschinenfabrik und wird Arbeiter. Dann packt ihn der Wandertrieb, in Lübeck lernt er eine Frau kennen, heiratet. Ein Sohn wird geboren (der später wegen Sittlichkeitsdelikten in einer Irrenanstalt landen wird). Das Paar geht auseinander, zumal Seefelds homosexuelle Veranlagung nach und nach durchbricht. Er war als Kind von zwei Männern missbraucht worden. „Onkel Ticktack“ wird für die nächsten 40 Jahre, sieht man von Gefängniszellen ab, keinen festen Wohnsitz mehr haben und keiner geregelten Arbeit nachgehen. Er sitzt wegen Körperverletzung und Bettelei, vor allem aber immer wieder wegen schwerer Sittlichkeitsdelikte an Jungen, zum erstem Mal 1895. Insgesamt 23 Jahre verbringt Seefeld hinter Schloss und Riegel, von 1916 bis 1926 an einem Stück – zum Teil auch in psychiatrischen Anstalten.

Auf freiem Fuß, übernachtet er meist in Wald und Flur, auch in billigen Herbergen, gelegentlich bei seiner Kundschaft. Das Uhrmacherhandwerk soll er in jungen Jahren bei einem alten Meister gelernt haben.

Ein Zeitabgleich der Kripo ergibt: Kein Kind kam zu Schaden, wenn Seefeld hinter Gittern war. Im Umkehrschluss legen seine Aufzeichnungen in einer Art Tagebuch nahe, dass er zur Zeit der Verbrechen auch am Ort der Verbrechen war. Mit den Vorwürfen konfrontiert, leugnet Seefeld: „Ich habe niemanden umgebracht, das lass’ ich mir nicht anhängen.“ Auch als Spürhunde die verscharrten Leichen der Schüler Neumann und Zimmermann entdecken, bewegt ihn das nicht zum Geständnis. Vielmehr schwört er: „Ich bin es nicht gewesen.“ Dabei bleibt er auch, als man ihn im offenen Wagen durch die Heimatorte der toten Kinder kutschiert, in der Hoffnung, der Volkszorn möge seine Zunge lockern.

Die Gestapo unterstellt „kommunistische Agententätigkeit“

Am 21. Januar 1936 beginnt vor dem Schweriner Schwurgericht der Prozess. Der Angeklagte leugnet weiter. Die Frage, wie die Kinder zu Tode kamen, kann nicht zufriedenstellend geklärt werden. Neben Strangulierung (wofür es keine Spuren gibt) und Pilzgift tippen Experten auf Äther, Chloroform oder Mord in Hypnose. Eine Annahme lautet, dass Seefeld die Knaben betäubte, missbrauchte und dann am Tatort zurückließ, wo sie entweder an der Droge starben oder erfroren. Für Giftmord spricht, dass er sich entsprechender Kenntnisse rühmte: „Die Ärzte, die so schlau sein wollen, würden nicht finden können, woran ich gestorben bin, wenn ich Selbstmord beginge. Einige Tropfen aus einer Flasche, und man schläft sanft ein.“

Ungeachtet einer möglichen Geisteskrankheit wird Adolf Seefeld am 22. Februar 1936 wegen Mordes in zwölf Fällen zum Tode verurteilt.

Da es aber unter den neuen Prämissen im Dritten Reich anders als in der nun verhassten Weimarer Republik mit ihrer von „Gefühlsduselei bestimmten“ „undeutschen“ Strafjustiz undenkbar ist, dass ein „arbeitsscheuer Untermensch“ die Frechheit besitzt, kein Geständnis abzulegen, nimmt sich die Gestapo des Verurteilten an. Und erhebt einen weiteren Vorwurf: „Kommunistische Agententätigkeit“.

Unter Folter gibt Seefeld zu, die Kinder durch Geschenke oder – je nach Alter – durch das Versprechen, ihnen „ein Häschen“, „seltene Zigarettenbilder“ oder „eine nagelneue Bohrmaschine“ zu zeigen, in die Wälder gelockt und vergiftet zu haben. Darüber hinaus gesteht er weitere Knabenmorde. Welchen Wert diese Geständnisse haben, bleibt offen. Seefeld werden etwa 100 Missbrauchsfälle sowie mindestens 30 Morde zwischen Berlin und Hamburg seit etwa 1893 angelastet.

In der Gestapohaft wird Seefeld zum Nachweis seiner Giftmischerqualitäten gezwungen, die tödlichen Stoffe selbst herzustellen. Seine Bemühungen „kosteten“, so Kriminalrat Lobbes maliziös, „eine Maus das Leben, ließen aber einen Hund unbeeindruckt“.

Adolf Seefeld stirbt am 23. Mai 1936 in Schwerin unter dem Fallbeil. (Von Ulrich Zander)

17.04.2010

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11778483/1174144/Onkel-Ticktack.html

 

 

 

 

 

 


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